In den Tagen nach dem Amoklauf des 17-jährigen Tim diskutieren viele über Ursachen und mögliche Methoden, so etwas zu verhindern. Immer wieder kommt die Sprache dabei auch auf Computerspiele, “Killerspiele”.
Eine aktuelle Umfrage des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (unter Führung von Christian Pfeiffer) kommt zu dem Schluss: Neuntklässler in Deutschland spielen an Schultagen im Durchschnitt 130 Minuten lang am Computer. Das sind 40 Minuten mehr als noch vor vier Jahren.
Der Journalist Alexander Kissler warnt in seinem Weblog davor, die Ursachen für den 15-fachen Mord leichterhand “auf den einen oder anderen Grund zurückzuführen”.
Kissler:
Die ewig gleichen Experten plappern ihr ewig gleiches Erklärungsmantra von gedemütigten Jungs, überforderten Eltern, gefährlichen Killerspielen. Keiner dieser Erklärungsansätze ist in sich komplett falsch, sie erklären aber in der Summe dieses Ereignis gerade nicht. Die Grenze der Lesbarkeit der Welt wurde in Winnenden sichtbar.
Er schließt mit den Worten:
Die Tat von Winnenden bleibt ein irreduzibles Ereignis, das alles Reden darüber ins Stammeln zwingt. Nur drei Wörter verschont das Vakuum: Das Böse ist.
(Alexander Kissler: “Bruder Tim”)
Ähnlich, aber noch konzentrierter auf die Problematik der “Killerspiele”, sieht es ein Kommentator der “Zeit”. Markus Horeld schreibt:
“Getötet hat Tim K. mit einer Pistole – nicht mit der Maustaste. Wer jetzt laut ein Verbot von Killerspielen fordert, ignoriert die Notwendigkeit ganz anderer Debatten.”
(…)
“Tim K. soll seine Zeit am PC mit sogenannten Killerspielen verbracht haben. Das überrascht bei einem Jugendlichen nicht sehr.”
(…)
“Nicht jeder Killerspieler ist ein Killer. Computerspiele, auch gewalthaltige, sind ein Massenphänomen. Vor allem Jungs spielen sie. Wenigstens in dieser Beziehung waren die Amokläufer von Erfurt, Emsdetten und Winnenden Jugendliche wie der Großteil ihrer Altersgenossen auch.”
Der zweifellos vorhandene Reiz von Spielen wie Computerspielen wie “Half-Life”, “Doom” oder “Far Cry” bestehe nicht darin, möglichst viele Gegner zu töten. “Der Kick ist, die eigene Spielfigur am Leben zu halten. Nur so gelangt man ins nächste Level.” Solche Ego-Shooter seien nervenaufreibend, aber vor allem wegen der “Ungewissheit, ob hinter der nächsten Ecke ein fieses Monster sitzt oder nicht” – und nicht wegen eines “Rausches der Gewalt”, so Horeld. “Wer Ego-Shooter Killerspiele nennt, muss konsequenterweise jeden Horrorstreifen als Killerfilm bezeichnen.”
“Die heute meist verbreiteten Shooter (…) sind mehr Schleich- denn Schießspiele. Man robbt möglichst leise durchs Gebüsch, kriecht düstere Flure entlang und hangelt sich an Gebäuden hoch. Ein falscher Tritt, ein versehentlich abgegebener Schuss – Game over.”
Im Kino geht’s ähnlich brutal zu
Horeld plädiert dafür: “Zu sprechen ist aber auch über Gewalt in Fernsehen und Kino. Die letzten beiden James-Bond-Filme zelebrierten Gewalt als probates Mittel der Konfliktlösung. Freigegeben waren die Filme für 12-Jährige. In der TV-Serie 24 morden und foltern Ermittler, als wären Menschenrechte ein Stück Dreck. Freigegeben ist sie ab 16. Wer jetzt lautstark ein Verbot von Killerspielen fordert, blendet diese Debatte aus.”